Weideprämie in Gefahr: Wenn Bürokratieabbau zum Tierschutzabbau wird
Die aktuelle Gesetzgebungsdebatte in Berlin sorgt für erhebliche Unruhe im Bereich des landwirtschaftlichen Tierschutzes. Die Bundesregierung berät gegenwärtig über das sogenannte Bürokratierückbaugesetz. Während der Titel des Gesetzes zunächst nach einer sinnvollen Entlastung der Verwaltung klingt, verbirgt sich im aktuellen Entwurf ein Vorhaben, das weitreichende negative Folgen für das Wohlergehen von Nutztieren haben könnte. Konkret ist vorgesehen, die bereits beschlossene Prämie für die Weidehaltung von Milchkühen zu streichen.
Dieser Schritt wird vom Deutschen Tierschutzbund scharf kritisiert. Der Verband fordert die Koalition aus CDU/CSU und SPD eindringlich auf, die geplante Streichung zurückzunehmen und die beschlossene Öko-Regelung endlich umzusetzen. Die Diskussion zeigt einmal mehr, wie fragil politische Zusagen im Bereich des Tierwohls sein können, wenn sie kurz vor der Implementierung wieder verworfen werden.
Ein fatales Signal für die Landwirtschaft
Die geplante Maßnahme ist nicht nur ein verwaltungstechnischer Eingriff, sondern sendet ein schwerwiegendes Signal an die landwirtschaftlichen Betriebe. Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, kommentierte die Lage am 15.07.2026 deutlich: „Zugesagte Anreize für mehr Tierschutz zu streichen hat nichts mit Bürokratieabbau zu tun – es wäre ein fatales Signal!"
Das Problem liegt in der Planbarkeit für die Landwirte. Betriebe, die bereit sind, höhere Standards im Tierschutz umzusetzen und ihren Küden Weidegang zu ermöglichen, benötigen verlässliche Rahmenbedingungen. Wenn Förderungen, die bereits politisch beschlossen wurden, kurz vor dem Start wieder abgeräumt werden, führt dies unweigerlich zu massivem Vertrauensverlust. Wer wirklich bessere Bedingungen für Tiere in der Landwirtschaft möchte, muss Betriebe, die vorangehen, verlässlich unterstützen, anstatt Anreize im Nachhinein zu kappen.
Weidegang als Voraussetzung für tierschutzgerechte Haltung
Der Deutsche Tierschutzbund weist in diesem Zusammenhang auf eine fundamentale Tatsache hin: Tierschutzgerechte Rinderhaltung ist nur mit Zugang zu einer Weide möglich. Das natürliche Verhalten der Tiere, Bewegung im Freien und das Grasen auf der Koppel sind essenzielle Bestandteile eines artgemäßen Lebens. Doch für immer weniger Rinder ist dies in der heutigen landwirtschaftlichen Praxis die Realität.
Die Weideprämie war als Instrument gedacht, um diesen Trend umzukehren. Sie sollte ein finanzieller Ausgleich für den höheren Aufwand sein, den eine Weidehaltung im Vergleich zur reinen Stallhaltung bedeutet. Durch die Streichung im Rahmen des Bürokratierückbaugesetzes würde dieses Instrument zerstört, bevor es seine Wirkung entfalten konnte. Es bleibt zu befürchten, dass ohne solche ökonomischen Anreize der Druck zur Intensivierung der Haltung weiter zunimmt und der Weidegang weiter an Bedeutung verliert.
Forderungen an die Politik
Angesichts der aktuellen Entwicklungen formuliert der Tierschutzbund klare Forderungen an die responsible Politik:
- Rücknahme der Streichung: Die geplante Entfernung der Weideprämie aus dem Gesetzespaket muss sofort gestoppt werden.
- Umsetzung der Öko-Regelung: Die bereits beschlossene Regelung muss wie geplant in Kraft treten, um Planungssicherheit zu schaffen.
- Verlässliche Unterstützung: Landwirte, die in tierschutzgerechte Methoden investieren, dürfen nicht im Regen stehen gelassen werden.
Es darf nicht hingenommen werden, dass unter dem Deckmantel der Bürokratievereinfachung essentielle Tierschutzstandards ausgehebelt werden. Der Abbau von Verwaltungshürden ist wichtig, darf aber nicht auf Kosten des Tierwohls gehen. Die Koalition ist nun in der Pflicht, zu zeigen, ob ihre Versprechen bezüglich einer tierfreundlicheren Landwirtschaft ernst gemeint sind oder ob sie bei der ersten Gelegenheit wieder revidiert werden.
Die Entscheidung über das Bürokratierückbaugesetz wird zeigen, welchen Stellenwert der Tierschutz in der aktuellen Gesetzgebungsperiode tatsächlich einnimmt. Für die Milchkühe in Deutschland hängt davon ab, ob der Zugang zur Weide als schützenswertes Gut anerkannt und gefördert wird oder ob er weiter zur Ausnahme wird.
Quellen
Quellen: Deutscher Tierschutzbund | Deutscher Naturschutzring | bioPress
