Neue Studie: Biohaltung allein garantiert noch kein Tierwohl
Die ökologische Tierhaltung bietet wichtige Voraussetzungen für ein tiergerechteres Leben. Mehr Platz, Einstreu, Auslauf oder Weidegang können es Rindern, Schweinen und anderen Nutztieren ermöglichen, ihre natürlichen Verhaltensweisen besser auszuleben. Ob daraus tatsächlich ein höheres Tierwohl entsteht, hängt jedoch entscheidend von der Betriebsführung ab.
Zu diesem Ergebnis kommt eine systematische Literaturauswertung des Thünen-Instituts für Ökologischen Landbau. Das Forschungsteam um Kathrin Wagner, Solveig March, Daniel Haager und Jan Brinkmann verglich wissenschaftliche Erkenntnisse zur ökologischen und konventionellen Tierhaltung. Die Untersuchung macht deutlich: Vorgaben für das Haltungssystem schaffen Chancen, sagen aber noch nicht zuverlässig aus, wie gesund ein Tier ist und wie es ihm tatsächlich geht.
86 Studien mit 623 direkten Vergleichen
Für die Auswertung untersuchte das Forschungsteam 86 begutachtete Studien, die zwischen Januar 1990 und Juni 2023 veröffentlicht wurden. Die Arbeiten stammten aus Europa und Nordamerika und enthielten insgesamt 623 Vergleichspaare zwischen ökologischer und konventioneller Tierhaltung.
Bei 28 Prozent dieser Vergleichspaare schnitt die ökologische Haltung beim jeweils untersuchten Tierwohlaspekt besser ab. In 56 Prozent der Fälle ließ sich kein eindeutiger Unterschied feststellen. Über alle berücksichtigten Tierarten und Produktionsrichtungen hinweg ergab sich deshalb kein klarer Beleg dafür, dass Tiere in ökologischen Betrieben automatisch ein höheres Tierwohl erreichen.
Dieses Ergebnis bedeutet nicht, dass die Haltungsform bedeutungslos wäre. Es zeigt vielmehr, dass zwischen guten Rahmenbedingungen und dem tatsächlichen Zustand der Tiere unterschieden werden muss. Ein Betrieb kann über tiergerechtere bauliche und organisatorische Voraussetzungen verfügen. Diese müssen im Alltag aber sorgfältig genutzt und durch eine aufmerksame Betreuung ergänzt werden.
Wo ökologische Haltung Vorteile bieten kann
Ökologische Vorgaben können den Tieren mehr Bewegungsraum, eingestreute Liegeflächen, Zugang zu Auslauf oder Weidegang verschaffen. Damit steigt die Möglichkeit, artgemäßes Verhalten zu zeigen. Auch bei der Klauen- und Gliedmaßengesundheit von Rindern und Schweinen stellte die Auswertung Vorteile fest.
Solche Bedingungen besitzen ein erhebliches Tierschutzpotenzial. Sie können Belastungen verringern und den Tieren mehr Möglichkeiten zur Bewegung geben. Die Studie warnt jedoch vor der Annahme, dieses Potenzial werde in jedem Betrieb zwangsläufig ausgeschöpft.
Die Betriebsführung bleibt entscheidend
Auch in einem grundsätzlich vorteilhaften Haltungssystem können Probleme entstehen, wenn Tiere nicht ausreichend beobachtet, Gesundheitsrisiken nicht rechtzeitig erkannt oder notwendige Maßnahmen nicht ergriffen werden. Als Beispiel nennt die Auswertung Probleme durch Weideparasiten. Der Zugang zur Weide kann artgemäßes Verhalten fördern, verlangt aber zugleich eine wirksame Vorbeugung und eine genaue Kontrolle der Tiergesundheit.
Tierwohl entsteht somit aus dem Zusammenspiel von Haltungsbedingungen und täglicher Betreuung. Entscheidend ist, ob Verantwortliche Veränderungen bei den Tieren wahrnehmen, Krankheiten vorbeugen und auf gesundheitliche Auffälligkeiten angemessen reagieren. Gute Vorgaben können diese Arbeit unterstützen, aber nicht ersetzen.
Forschung betrachtete vor allem die Tiergesundheit
Bei der Einordnung der Ergebnisse sind die Schwerpunkte der ausgewerteten Forschung zu berücksichtigen. Viele Untersuchungen befassten sich mit einzelnen Gesichtspunkten der Tiergesundheit. Besonders häufig standen Milchkühe im Mittelpunkt.
Das Verhalten und das emotionale Befinden der Tiere wurden deutlich seltener untersucht. Gerade in diesen Bereichen deuten sich nach Angaben des Thünen-Instituts Vorteile der ökologischen Haltung an, wenn Tiere mehr Platz, Auslauf oder Weidegang erhalten. Die vorhandenen Vergleiche bilden daher nicht sämtliche Seiten des Tierwohls gleichermaßen ab.
Kontrollen müssen das Tier selbst einbeziehen
Das Autorenteam empfiehlt, Regeln zu Haltung und Betriebsführung durch ergebnisorientierte Kontrollen zu ergänzen. Für die Öko-Zertifizierung wird eine transparente, einheitliche und praxistaugliche Tierwohlprüfung mit tierbezogenen Merkmalen vorgeschlagen.
Der Unterschied ist grundlegend: Stallmaße, Einstreu und Auslauf beschreiben die Voraussetzungen eines Betriebes. Tierbezogene Merkmale richten den Blick dagegen unmittelbar auf den Zustand der Tiere. Erst diese Beobachtung kann zeigen, ob die vorhandenen Möglichkeiten tatsächlich zu Gesundheit und Wohlbefinden beitragen.
Was Verbraucherinnen und Verbraucher tun können
- Bio-Siegel als wichtige Information betrachten, aber nicht mit einer Garantie für umfassendes Tierwohl gleichsetzen.
- Bei Betrieben und Anbietern nachfragen, wie Tiergesundheit und Wohlbefinden regelmäßig überprüft werden.
- Darauf achten, ob neben Haltungsbedingungen auch konkrete tierbezogene Kontrollen erläutert werden.
- Forderungen nach transparenten und einheitlichen Tierwohlprüfungen in der ökologischen Tierhaltung unterstützen.
Die zentrale Botschaft lautet deshalb nicht „Bio bringt nichts“. Ökologische Vorgaben können wesentliche Voraussetzungen für mehr Tierwohl schaffen. Ob diese Möglichkeiten den Tieren zugutekommen, entscheidet sich jedoch in der täglichen Praxis und muss unmittelbar am Tier überprüft werden.
Quellen
- Thünen-Institut: Das Management im Stall entscheidet über das Tierwohl
- Wissenschaftliche Literaturauswertung von Wagner, March, Haager und Brinkmann, Fachzeitschrift „Organic Agriculture“ (2026)
Quellen: Thünen-Institut | Weitere Infos | Weitere Infos
