Kanzi und die unsichtbare Teerunde: Kann ein Bonobo „so tun, als ob“?
Kann ein Tier einen Gegenstand gedanklich verfolgen, obwohl dieser in Wirklichkeit gar nicht vorhanden ist? Ein Forschungsteam der Johns-Hopkins-Universität untersuchte diese Frage mit mehreren Versuchen an Kanzi. Der Bonobo hatte gelernt, auf gesprochene Aufforderungen zu reagieren und mithilfe von Symboltafeln zu kommunizieren.
Die 2026 in der Fachzeitschrift Science veröffentlichte Untersuchung liefert Hinweise darauf, dass Kanzi nicht vorhandene Gegenstände innerhalb eines gemeinsamen Spiels gedanklich darstellen und ihre vermeintliche Position verfolgen konnte. Zugleich sprechen die Ergebnisse dafür, dass er zwischen echten und nur vorgestellten Dingen unterschied.
Eine Teerunde mit leeren Gefäßen
Im ersten Versuch saßen sich Kanzi und eine Forscherin an einem Tisch gegenüber. Auf dem Tisch befanden sich zwei durchsichtige, leere Becher sowie ein ebenfalls leerer Krug. Die Forscherin spielte zunächst vor, aus dem Krug Saft in beide Becher zu gießen. Anschließend tat sie so, als würde sie einen der Becher wieder ausleeren.
Danach fragte sie Kanzi, wo sich der Saft befinde. Der Bonobo zeigte meist auf den Becher, der nach dem Ablauf des gemeinsamen Spiels noch als gefüllt gelten musste. Bemerkenswert ist dabei, dass sämtliche Gefäße durchsichtig und erkennbar leer waren. Kanzi konnte somit keinen tatsächlich vorhandenen oder verdeckten Saft verfolgen.
Seine Antworten orientierten sich vielmehr an den vorgespielten Handlungen der Forscherin. Innerhalb dieser gemeinsam erzeugten Vorstellung war der Saft zunächst auf beide Becher verteilt worden und anschließend nur aus einem Becher verschwunden.
Echter Saft oder vorgestellter Saft?
Eine einzelne Versuchsanordnung hätte eine andere Erklärung offengelassen: Kanzi könnte die gespielte Handlung missverstanden und angenommen haben, dass sich tatsächlich Saft in einem der Becher befand. Deshalb folgte ein weiterer Versuch.
Dabei stand echter Saft neben einem Becher, der lediglich innerhalb des Spiels als gefüllt behandelt wurde. Kanzi entschied sich fast immer für den echten Saft. Dieses Ergebnis spricht gegen die Vermutung, er habe vorgestellte und tatsächlich vorhandene Inhalte einfach verwechselt.
Die Unterscheidung ist für die Bewertung der Untersuchung wesentlich. Kanzi reagierte nicht bloß so, als seien alle dargestellten Gegenstände wirklich vorhanden. Vielmehr konnte er offenbar am gemeinsamen Spiel teilnehmen und gleichzeitig berücksichtigen, ob ein Gegenstand echt oder nur vorgestellt war.
Eine unsichtbare Traube wechselt den Ort
Im dritten Versuch nutzte das Forschungsteam keinen Saft, sondern eine vorgestellte Traube. Die Forscherin tat so, als nehme sie die Traube aus einem leeren Behälter und lege sie in einen anderen. Kanzi zeigte wiederholt auf den Ort, an dem sich die nicht vorhandene Traube nach der vorgespielten Bewegung befinden sollte.
Damit beschränkte sich sein Verhalten nicht auf die besondere Situation mit Bechern und Saft. Auch bei einem anderen vorgestellten Gegenstand verfolgte er den innerhalb des Spiels dargestellten Ortswechsel.
Was sich aus der Untersuchung ableiten lässt
Die Forschenden deuten die drei Versuche als Beleg dafür, dass Kanzi eine innere Darstellung nicht vorhandener Gegenstände bilden und weiterverfolgen konnte. Die Ergebnisse schaffen eine kontrollierte experimentelle Grundlage für eine Fähigkeit, die bei nichtmenschlichen Tieren zuvor vor allem aufgrund einzelner Beobachtungen vermutet worden war.
Die Aussagekraft bleibt jedoch begrenzt. Untersucht wurde ein einzelner Bonobo mit einer ungewöhnlich intensiven Erfahrung in der Verständigung mit Menschen. Die Versuche zeigen daher zunächst das kognitive Potenzial Kanzis. Sie beweisen nicht, dass alle Bonobos oder alle Menschenaffen in vergleichbaren Situationen genauso reagieren würden.
Offen bleibt außerdem, welche Rolle Kanzis besondere Lerngeschichte spielte. Weitere Untersuchungen müssten klären, ob auch andere Tiere ohne eine solche Erfahrung vorgestellte Gegenstände verstehen und verfolgen können.
Warum das für den Tierschutz wichtig ist
Die Untersuchung mahnt zu Vorsicht bei Aussagen über die geistigen Grenzen anderer Arten. Wenn ein Tier Handlungen nachvollziehen, nicht vorhandene Gegenstände gedanklich verfolgen und zwischen Wirklichkeit und Vorstellung unterscheiden kann, reicht eine Betrachtung seines unmittelbar sichtbaren Verhaltens möglicherweise nicht aus.
Für den Tierschutz folgt daraus keine pauschale Gleichsetzung tierlicher und menschlicher Gedanken. Die Ergebnisse sprechen vielmehr dafür, kognitive Möglichkeiten ernst zu nehmen und Unsicherheiten nicht vorschnell als Beweis fehlender Fähigkeiten auszulegen. Bei Haltung, Umgang und Schutz sollten deshalb Lernfähigkeit, Gedächtnis, Verständigung und geistige Beschäftigung mitbedacht werden.
Was Leserinnen und Leser tun können
- Berichte über tierliche Fähigkeiten kritisch lesen und darauf achten, ob Beobachtungen oder kontrollierte Versuche beschrieben werden.
- Verallgemeinerungen vermeiden: Das Verhalten eines einzelnen Tieres lässt sich nicht automatisch auf eine ganze Art übertragen.
- Bei Entscheidungen über Tierhaltung auch mögliche geistige Bedürfnisse berücksichtigen.
- Einrichtungen und Forschung unterstützen, die transparent über Methoden, Grenzen und Aussagekraft ihrer Ergebnisse informieren.
- Tieren mit Offenheit begegnen, ohne ihnen ungeprüft menschliche Gedanken oder Absichten zuzuschreiben.
Quelle
Bastos, A. P. M. und Krupenye, C.: Untersuchung zur Darstellung vorgestellter Gegenstände durch den sprachlich geschulten Bonobo Kanzi. Science, Band 391, Seiten 583–586, 2026. https://doi.org/10.1126/science.adz0743
Quellen: Bastos & Krupenye, Science (2026) | Weitere Infos | Weitere Infos
