Vertraute Menschen können Hühner in ungewohnten Situationen beruhigen
Hühner können vertraute Menschen unter bestimmten Bedingungen als beruhigend wahrnehmen. Darauf weist eine Pilotstudie hin, die am 22. April 2025 zur Veröffentlichung angenommen wurde und im Juli 2025 in der Fachzeitschrift Poultry Science erschien. Untersucht wurde, wie unterschiedliche Erfahrungen mit einem Menschen das Verhalten von Legehennen beeinflussen.
Im Mittelpunkt stand die Frage, ob positive Kontakte dazu führen, dass ein Mensch in einer belastenden oder unbekannten Situation als sozialer Puffer wirkt. Außerdem prüfte das Forschungsteam, ob Hühner die Anwesenheit und Gesten eines Menschen nutzen können, um Futter zu finden.
Zwei Linien und drei Formen des Kontakts
Für die Untersuchung wurden zwei kommerzielle Legehennenlinien ausgewählt: Lohmann LSL Classic mit weißem Gefieder und Lohmann Brown Classic mit braunem Gefieder. Damit konnte das Forschungsteam neben der Art des menschlichen Kontakts auch mögliche Unterschiede zwischen den beiden Linien betrachten.
Die Hennen wurden drei Gruppen zugeordnet. Bei einer Gruppe wurde der Kontakt zur Versuchsleiterin möglichst gering gehalten. Eine zweite Gruppe sah die Person regelmäßig, ohne den gleichen körperlichen Kontakt zu erfahren. Die Tiere der dritten Gruppe wurden über 13 Tage wiederholt sanft aufgenommen und gestreichelt.
Diese Aufteilung war entscheidend: Sie ermöglichte einen Vergleich zwischen weitgehend fehlendem Kontakt, regelmäßiger Sichtbarkeit des Menschen und wiederholten positiven Erfahrungen mit körperlicher Nähe.
Weniger Wachsamkeit nach positiven Erfahrungen
Nach der Kontaktphase beobachteten die Forschenden die Hennen in mehreren Verhaltenstests. Dazu gehörte ein Trennungs- und Wiedervereinigungstest. Die Tiere befanden sich zunächst allein in einer ungewohnten Umgebung. Anschließend kam die ihnen aus der Kontaktphase bekannte Versuchsleiterin hinzu.
Die Hennen aus der Gruppe mit wiederholtem Körperkontakt zeigten in Anwesenheit der vertrauten Person weniger Wachsamkeit. Gleichzeitig trat häufiger ruhiges Verhalten auf, darunter die Futtersuche. Das Forschungsteam deutet dies vorsichtig als Hinweis darauf, dass die Person für diese Tiere eine beruhigende Wirkung haben konnte.
Anders reagierten Hennen, die zuvor nur möglichst wenig Kontakt zur Versuchsleiterin gehabt hatten. Sie zeigten in deren Anwesenheit weniger ruhiges Verhalten und zogen sich stärker zurück. Die bloße Anwesenheit eines Menschen war demnach nicht für alle Tiere beruhigend. Entscheidend war offenbar, welche Erfahrungen sie zuvor mit dieser Person gemacht hatten.
Unterschiede zwischen weißen und braunen Hennen
Neben der Kontaktform spielte auch die untersuchte Legehennenlinie eine Rolle. Die braunen Hennen verhielten sich im Mittel ruhiger, bewegten sich weniger und hielten sich näher bei der Versuchsleiterin auf als die weißen Hennen.
Bei einem weiteren Versuch untersuchten die Forschenden, wie leicht sich die Tiere einfangen ließen. Hennen aus der Gruppe mit Körperkontakt waren leichter einzufangen. Das galt ebenfalls für die braunen Hennen im Vergleich zu den weißen Tieren. Die Ergebnisse zeigen damit, dass sowohl vorherige Erfahrungen als auch Unterschiede zwischen den untersuchten Linien berücksichtigt werden müssen.
Können Hühner menschliche Hinweise nutzen?
In einem späteren Versuch sollten die Hennen mithilfe der Anwesenheit oder der Gesten eines Menschen Futter finden. Zwei einzelne Hennen aus der Gruppe mit Körperkontakt nutzten die menschlichen Hinweise erfolgreich. Auch die braune Kontaktgruppe war als Ganzes erfolgreich.
Diese Ergebnisse reichen nicht aus, um eine allgemeine Fähigkeit aller Hühner zu belegen. Die Forschenden bezeichnen ihre Untersuchung ausdrücklich als Pilotstudie und bewerten die Befunde entsprechend zurückhaltend. Positive Erfahrungen könnten dazu führen, dass Hühner Menschen mit einer Belohnung verbinden, ihre Hinweise beachten und sie in belastenden Situationen als sozialen Puffer wahrnehmen.
Was bedeutet das für den Tierschutz?
Die Studie belegt nicht, dass jedes Huhn gestreichelt werden möchte. Sie zeigt ebenso wenig, dass menschliche Zuwendung eine ungeeignete Haltung ausgleichen könnte. Platz, Beschäftigung, Schutz, Artgenossen und eine tiergerechte Umgebung bleiben unverzichtbar. Körperkontakt darf außerdem nicht erzwungen werden; ein Tier muss sich entziehen können.
Der Versuch macht dennoch deutlich, dass die Qualität menschlicher Begegnungen für Hühner bedeutsam sein kann. Ruhiger, berechenbarer und wiederholt positiver Umgang kann verändern, wie sie auf eine vertraute Person reagieren.
Was Halterinnen und Halter beachten können
- Hühnern ruhig und berechenbar begegnen.
- Positive Kontakte wiederholen, statt Nähe zu erzwingen.
- Rückzug und Vermeidung jederzeit ermöglichen.
- Beim Aufnehmen und Einfangen möglichst sanft vorgehen.
- Die Reaktion jedes einzelnen Tieres beobachten und Unterschiede respektieren.
- Menschlichen Kontakt niemals als Ersatz für eine tiergerechte Umgebung betrachten.
Quellen
- Ferreira, V. H. B. et al. (2025): Hühner nehmen Menschen als soziale Puffer wahr und können menschlichen Hinweisen folgen – eine Pilotstudie
- Poultry Science 104(7), 105203, DOI: 10.1016/j.psj.2025.105203
Quellen: Ferreira et al., Poultry Science (2025) | Weitere Infos | Weitere Infos
