Tierhaltungskennzeichnung: Warum Abschaffen keine Lösung ist
Die staatliche Tierhaltungskennzeichnung steht erneut auf der Kippe. Nach aktuellem Stand soll das Tierhaltungskennzeichnungsgesetz am 1. Januar 2027 in Kraft treten. Doch nach wiederholten Verzögerungen und anhaltendem Streit über seine Ausgestaltung fordert der Deutsche Bauernverband nun die sofortige Abschaffung.
Der Bauernverband verliert das Vertrauen
In einer Pressemitteilung vom 8. Oktober 2026 bezeichnet der Veredelungspräsident des Deutschen Bauernverbandes, Hubertus Beringmeier, das bestehende Gesetz als untauglich. Es verursache zusätzlichen Aufwand und Bürokratie, ohne gegenüber bestehenden Haltungskennzeichen einen ausreichenden Mehrwert zu bieten. Der Verband erklärt, das Vertrauen in eine echte Neugestaltung verloren zu haben.
Diese Kritik an Bürokratie und praktischer Umsetzbarkeit sollte ernst genommen werden. Eine Kennzeichnung hilft weder Betrieben noch Verbrauchern, wenn sie widersprüchlich, lückenhaft oder kaum umsetzbar ist. Daraus folgt jedoch nicht zwangsläufig, dass das gesamte Vorhaben aufgegeben werden muss.
Bioland fordert gezielte Nachbesserungen
Bioland widerspricht der Forderung nach einer vollständigen Abschaffung. Nach einem Bericht der Lebensmittel Praxis räumt der Öko-Verband ein, dass das Gesetz noch nicht ausgereift sei. Präsident Jan Plagge fordert zwei konkrete Änderungen: Ein späteres Herabstufen der Kennzeichnung müsse möglich sein, und Bio-Betriebe dürften nicht zu einer Doppelregistrierung verpflichtet werden.
Nach diesen Korrekturen solle das Gesetz zügig umgesetzt werden. Bioland verweist darauf, dass Betriebe für Investitionen in mehr Tierwohl verlässliche Rahmenbedingungen und finanzielle Planungssicherheit benötigen.
Breites Bündnis: Auslandsware einbeziehen
Auch ein Bündnis aus AbL, Albert Schweitzer Stiftung, BÖLW, BUND, Greenpeace, ProVieh, Vier Pfoten und Verbraucherzentrale Bundesverband fordert nach Angaben von top agrar, das Vorhaben nicht aufzugeben. Die Organisationen wollen unter anderem ausländische Ware einbeziehen und die Reform so nachbessern, dass sie 2027 starten kann.
Gerade die Einbeziehung importierter Produkte ist für eine glaubwürdige Kennzeichnung wichtig. Wenn Regeln nur einen Teil des Angebots erfassen, entstehen Lücken bei Transparenz und Wettbewerb.
Unsere Kritik: Verzögerung darf nicht zur Abschaffung führen
Die staatliche Kennzeichnung ist kein Selbstzweck. Sie muss verständlich, unabhängig und praktisch umsetzbar sein. Ihre Aufgabe ist es, Haltungsbedingungen nachvollziehbarer zu machen und Investitionen in bessere Tierhaltung verlässlich einzuordnen.
Nach jahrelangen Debatten und mehreren Verschiebungen wäre eine ersatzlose Abschaffung jedoch das falsche Signal. Sie würde weder die bekannten Lücken schließen noch Betrieben Planungssicherheit geben. Notwendig sind überprüfbare Nachbesserungen, eine faire Einbeziehung von Importware und ein belastbarer Zeitplan.
Politik muss berechtigte Einwände lösen, statt ein unvollständiges Projekt so lange liegen zu lassen, bis nur noch Abbruch oder Chaos zur Wahl stehen. Für Tiere zählt am Ende nicht das Etikett allein, sondern ob Transparenz, Förderung und verbindliche Regeln tatsächlich bessere Haltungsbedingungen ermöglichen.
Quellen
- Deutscher Bauernverband: DBV fordert Abschaffung des Tierhaltungskennzeichnungsgesetzes, 8. Oktober 2026
- Lebensmittel Praxis: Streit um Tierhaltungskennzeichnungsgesetz spitzt sich zu, 9. Oktober 2026
- top agrar: Verbändebündnis schlägt Lösung für festgefahrene Tierhaltungskennzeichnung vor, 7. Oktober 2026
